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Vitamine & Co.
- To: Genesis Nachrichten <genesis@gen.free.de>
- Subject: Vitamine & Co.
- From: voigt <voigt@bt.pds-online.de>
- Date: Mon, 13 Nov 2000 09:29:12 +0100
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- Resent-From: genesis@gen.free.de
Pille oder Apfel?
Sabine Voigt
Die neuen Pillen machen es möglich: mehr Gesundheit und Fitness, mehr
Vitalität und Spannkraft, mehr Energie und ein hohes Alter. Wer glaubt,
sich nicht ganz ausgewogen zu ernähren, schiebt ein Pillchen hinterher.
Wer glaubt gesündigt zu haben, dafür gibt es die entsprechenden
Spezialdragees zur Nachsorge. Wenn beides nicht zutrifft, dann eben zur
Vorsorge. Sie sollen sogar für gute Laune und Konzentrationsfähigkeit
sorgen und manche versprechen sich durch sie sogar Wunder, z.B. beim
Kampf gegen Krebs, Herzinfarkt oder Rheuma - so die
Verbraucher-Rundschau schon 1994. Aber nicht nur das. Auch die kleinen
Sünden des Alltags können ausgeglichen werden: Raucher, Vielsitzer,
einseitige Schlemmerzungen und Warmduscher können wieder mit besserem
Gewissen ruhig schlafen. Die Zeiten eines eintönigen
„Schönheit-von-Innen“ oder „Schöne-Haare-kräftige-Fingernägel-Dragees“
sind endgültig vorbei. Besonders Coole stehen auf "Multi" - denn
Multi-Vitamine und Multi-Mineralstoffe sind in.
NEM (Nahrungsergänzungsmittel) heißt die Zauberformel und im Handel
heißen sie dann: ACE, Biovit, Anti-Stress, Die täglichen 3 Wächter,
Fifty-Plus, Sport Aktiv, Zell-Plus...
Die Hersteller sind hinlänglich bekannt und haben einen vertrauensvollen
Namen: Abtei, Vitalis, Biolabor, Dr. Rath, Klosterfrau, Tetesept, Kneipp
und viele andere Anbieter, die sich auf dem Markt tummeln und mit
oftmals fragwürdigen Produkten bei unsicheren Verbrauchern ihr Geschäft
machen wollen.
Mittlerweile boomt der Markt für die vermeintlichen
chemisch-synthetischen Wundermittel. Vitaminpräparate werden im Wert von
über zwei Milliarden DM produziert und abgesetzt - in den letzten Jahren
mit zweistelligen Zuwachsraten. Schon 1997 gab ein knappes Drittel der
Deutschen bis zu 50 DM monatlich für freiverkäufliche NEM aus. Groß
angelegte Werbekampagnen suggerieren dem Verbraucher, daß er seine
tägliche Nahrung mit diesen Produkten ergänzen sollte. Immerhin glauben
mehr als die Hälfte der Verbraucher, daß die Vitamine in der Nahrung
nicht mehr ausreichen. Dabei nutzen die Pharmakonzerne die Graubereiche
unbefriedigender nationaler wie europäischer und internationaler
Gesetzeslage. Einheitliche Kriterien für den Verkehr mit
Nährstoffkonzentraten fehlen. Je nach Dosierung und Bestimmungszweck
kann es sich um eine Lebensmittelergänzung oder aber um ein Medikament
handeln. Seit Jahren werden auf den verschiedenen Ebenen
Richtlinien-Entwürfe diskutiert. Die Zeit läuft dabei für die
Pharmakonzerne.
Schon die Definition durch die BgVV (Bundesinstitut für gesundheitlichen
Verbraucherschutz und Veterinärmedizin) suggeriert, daß NEM zum
allgemeinen Verzehr dazugehören: Nahrungsergänzungsmittel sind - sofern
sie nicht diätetischen Zwecken dienen - Lebensmittel des allgemeinen
Verzehrs, die einen oder mehrere Nährstoffe in konzentrierter Form
enthalten und eine lebensmitteluntypische Form (Tabletten, Kapseln,
Granulat, Pulver, Trinkampullen, Tropfen) aufweisen. Sie sollen die
tägliche Nahrung in den Fällen ergänzen, in denen eine Versorgung durch
die Nahrung unzureichend ist bzw. eine Ergänzung gewünscht wird.
Die Verbraucherzentralen und die Arbeitsgemeinschaft der
Verbraucherverbände (AgV) überprüften 1999 im Rahmen einer bundesweiten
Aktion mittels eines Marktchecks die aktuelle Situation im Bereich der
Nahrungsergänzungsmittel.
Nach verschiedenen Studien sind es drei Gruppen, die NEM verwenden:
Personen mit einem höheren Bildungsniveau, die angeben, regelmäßig
Sport zu treiben und sich eher gesund ernähren (!), eine zweite Gruppe
von Personen, die sich nicht gesund fühlen bzw. aufgrund von Erkrankung
ihre Ernährung umgestellt haben und eine dritte Gruppe älterer Menschen.
Und die Männer stehen den Frauen da nicht nach. Immerhin sollen ein
Drittel der Frauen und ein Viertel der Männer zur täglichen Pille
greifen. Interessant daran ist, daß sowohl bei diesen Frauen als auch
Männern der Verzehr von Obst und Gemüse sowie die alimentäre Versorgung
mit Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen höher war, als bei Gruppen
die wirklich Probleme mit der ausreichenden Nährstoffversorgung haben,
wie Raucher, Personen mit erhöhtem Alkoholkonsum.
Also wollen sich die bezüglich der ausgeglichenen Nährstoffzufuhr eher
Fitten noch etwas ganz besonders gutes tun? Sicherlich liegt es auch an
der Größe des Geldbeutels, denn billig sind NEM nun gerade nicht - und
ein höheres Einkommen korreliert wieder mit einer höheren Bildung.
Allerdings sollte eine richtige Aufklärung (was tunlichst auf
Packungsbeilagen vermieden wird) wissen lassen, dass jedes
wasserlösliche, vom Körper nicht speicherbare Vitamin und/oder
Mineralstoff, was über den täglichen Bedarf hinausgeht, kurzerhand auch
wieder ausgeschieden wird - Geld für die Pharmariesen, daß durch den
Darm der Verbraucher fließt.
Fazit der Verbraucherverbände: Ungenaue und schwammige
Dosierungsempfehlungen, Überschreitung der maximal zulässigen
Höchstdosierung, Überdosierungen sind an der Tagesordnung, unzureichende
Nährwertkennzeichnung, unzulässige Inhaltsstoffe aus dem
Arzneimittelbereich, subtile Formulierung der Ziele des jeweiligen NEM,
irreführende, angstmachende und irrelevante krankheitsbezogene Werbung
suggeriert Nährstoffmangel bei jedermann. In vielen Fällen entspricht
die Zusammensetzung nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppe.
Dazu ein paar Beispiele:
Die Obergrenzen für die tägliche Zufuhr von Wirkstoffen sind festgelegt
bei einer einfachen Dosis der jeweiligen Empfehlung der DGE (Deutsche
Gesellschaft für Ernährung) pro Tagesportion bei Mineralstoffen und beim
Vitaminzusatz sollte die empfohlene Tagesverzehrsmenge nicht die
dreifache Menge der empfohlenen täglichen Vitaminzufuhr überschreiten.
Alles darüber gilt als Arzneimittel und unterliegt speziellen
Konventionen - sie dienen tatsächlich der Behebung eines bestehenden
Mangels. Problematisch werden die Überdosierungen, wenn toxikologische
Schwellenwerte überschritten werden. Genau dies wurde nicht nur bei
vielen Vitaminpräparaten z.B. Retinol (Vitamin A) sondern auch bei
Mineralstoffen und Spurenelementen festgestellt, z.B. Selen, Magnesium,
aber auch Calcium, Zink, Eisen, Chrom, Nickel u.a. Wirkstoffzugaben gibt
es sogar für Spurenelemente, bei denen eine Mangelerscheinung bei
Menschen gar nicht bekannt ist. Lebensmittelchemiker sehen bei den
angeblich gesundheitsfördernden Produkten noch erheblichen
Forschungsbedarf. Experten warnen sogar vor möglichen schädlichen
Wirkungen. Einige Stoffe sind ab einem bestimmten Schwellenwert als
toxisch bekannt oder in Verdacht, z.B. als Auslöser für
Nierenerkrankungen - so die EU-Kommission in einem Diskussionspapier.
Nahrungsergänzungsmittel für Kinder unterliegen einem besonderem
Problem: Der Bedarf ist geringer als der von Erwachsenen. Es müßten die
jeweiligen Altersgruppen für Verzehrsempfehlungen zugrunde gelegt
werden. Auf zwei Drittel der Präparate waren diese nicht zu finden.
Insbesondere Präparate mit Kombinationswirkstoffen (z.B. ACE-Produkte)
zeigten eine hohe Überdosierung. 95% der untersuchten Produkte waren
davon betroffen - sie müßten vom Markt genommen und als Arzneimittel
geprüft werden.
Was sind eigentlich Frauen-Vitamine? Fragten sich die
Verbraucherverbände, und fanden heraus, daß es auch die Hersteller nicht
wissen. Erstens war die Zusammensetzung der Präparate so verschieden,
daß es sich wohl eher um einen Werbegag als um eine gezielte
Bedarfsdeckung handelt. Zweitens fanden sich die tatsächlich bei Frauen
auftretenden Mängel an Eisen und Calcium in nur drei Präparaten.
Sogenannte Frauen-Vitamine helfen vermutlich mehr den Produzenten als
den Frauen. Auch hier empfiehlt sich für betroffene Frauen und
Schwangere eher der Gang zum Arzt.
Alle Sonnenschutzpräparate überschritten die Dosierungsobergrenzen. Sie
wären zu 100% als Arzneimittel einzustufen. Solche Aufdrucke wie
„UV-Schutz von innen“, „erhöht den hauteigenen Sonnenschutz“,
„Sonnen-Vitamin“, sogar „für Kinder empfehlenswert“ etc. erwecken den
Anschein, daß ein Sonnenschutzmittel nicht mehr verwendet werden müßte -
ein Fall für irreführende Werbung. Hinzu kommt, daß die Meinungen über
die bei der Sonneneinstrahlung wichtigen und/oder schützenden Wirkstoffe
sehr unterschiedlich sind: Es gibt nicht einen Wirkstoff, der in allen
neun untersuchten Produkten enthalten war.
Weiteres Beispiel: Drei der sechs speziell für Raucher ausgelobten
Produkte enthielten ß-Carotin, obwohl das BgVV seit 1998 Rauchern rät,
auf ß-Carotin-haltige Präparate zu verzichten. Grund: erhöhtes
Lungenkrebsrisiko nach ß-Carotin-Gaben.
Fazit: Nahrungsergänzungsmittel als Kombination mehrerer Nährstoffe sind
in der Regel auch für spezielle Zielgruppen nicht zu empfehlen. Entweder
es handelt sich um stark überdosierte Produkte oder die Zusammensetzung
entspricht nicht den wirklichen Bedürfnissen der Zielgruppe.
Für besonders bedenklich - so die Studie - sind Produkte aus dem
Internet. Sie entziehen sich - insbesondere aus dem Ausland bezogen -
fast vollständig dem Zugriff der amtlichen Lebensmittelüberwachung. Hier
wurden besonders häufig die o.g. Probleme festgestellt: unzureichendes
oder kein Zutatenverzeichnis, unzulässige Kennzeichnung und
Überschreitung von Obergrenzen - oftmals nur in Englisch.
Obwohl die Nahrungsgüterindustrie und die Bauernverbände daran
festhalten, dass in Deutschland die Lebensmittel sicher sind und die
Qualität den höchsten Stand erreicht hat, scheint die Pharmaindustrie
ihr eigenes Süppchen zu kochen - denn diese meint, die Verbraucher
bräuchten unbedingt eine Nahrungsergänzung und müssten demzufolge auch
für sie in den Geldbeutel greifen. Die DGE stellte fest, dass es keinen
begründeten Anlass gibt, den Nährstoffreichtum der in Deutschland
angebotenen Lebensmittel in Frage zu stellen und vorsorglich zu Vitamin-
und Nährstoffpräparaten zu greifen. Und obwohl die Menschen drei bis
fünf mal am Tag, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat - ein
ganzes Leben lang speisen, scheint es einem Otto Normalverbraucher nicht
möglich zu sein, sich gesund zu ernähren. Vielleicht hilft ab und an mal
einfach nur ein Biss in einen Apfel...
Literatur: Nahrungsergänzungsmittel. Ein Untersuchungsbericht der
Verbraucherzentralen e.V. 2000